Terra Australis 1 - Die Ankunft

G'day,

alle miteinander aus dem frühlingshaften Canberra! Nach dem ich jetzt seit 2 Wochen kopfüber lebe, will ich Euch den langersehnten ersten Erlebnisbericht nicht länger vorenthalten.

Den obigen Gruß, der sich auch vollkommen logisch von Guten Tag ableitet, hört man hier tatsächlich recht oft. Gebrauch in etwa wie unser Moin, also zu jeder Tageszeit. Man kann sich aber auch sehr gut mit Hi durchschlagen. Womit wir auch schon bei den sprachlichen Eigenheiten der Australier wären. Das Englisch hier ist mal wieder ganz was anderes im Vergleich zum reinen Englisch der britischen Inseln und zum Kauderwelsch der Amerikaner. Das australische Idiom zeichnet sich durch exzessives Weglassen ganzer Silben und allgemeine Wortverkürzungen aus, denn 'Zeit ist Geld' gilt auch hier. Dazu ziehe man den ganzen Satz zu einem einzigen langen Wort zusammen und schon kann man perfekt Australisch. Den muttersprachlich anders Ausgebildeten fällt der Einstieg in die hiesige Kommunikation damit natürlich nicht so einfach, aber mit dem altbewährten Verfahren des 'dummen Ausländers' findet man dann doch schnell Trost und Zuneigung. Obwohl auf diesem Kontinent nur ganze 18 Mio Erdenbewohner hausen, haben sich durch die räumliche Trennung, hervorgerufen durch die großen Entfernungen, doch recht stark unterschiedliche Dialekte herausgebildet, so daß sich die Leute hier auch untereinander leicht einmal nicht verstehen.

Um auch dem geneigten Leser ein wenig sprachliche Hilfe zu geben, will ich mal versuchen, in meinen epischen Werken - das sind die Erlebnisberichte, wie dieser hier - immer ein Beispiel anzuführen. Mein Gott, vielleicht biegt ja doch mal einer in Kritzmow falsch ab und landet plötzlich hier. Da können so ein paar Brocken 'Einheimisch' hilfreich sein. Aus pädagogischen Gründen soll man den Anfang nie zu schwer machen. Daher suchen wir heute nach dem australischen Begriff für Hinterland. Na, Vorschläge, ja dahinten, wie bitte, ja richtig: hinterland! Ob das auch sonst im allgemeinen englischen Sprachgebrauch bekannt ist, weiß ich nicht, aber hier geht's ja um's australische Idiom.

Nun mal zur Reise. Wer seinem Allerwertesten eine andere Form geben möchte, dem sei diese Reise dringend empfohlen. Leider haben sich bisher keine weiteren Krankenkassen der AOK Stenkelfeld angeschlossen, so daß diese medizinische Leistung (noch) privat finanziert werden muß. Man denke nur an die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten in der sogenannten Schönheitsindustrie! Wo sonst die plastische Chirurgie ranmußte, reicht auch so ein Flug vollkommen zur Modellierung entsprechender Körperteile aus!

Der Möglichkeiten gibt es viele, dieses Land per Flug zu erreichen, z.B. Quantas, Lufthansa/Thai Airways und Lauda Air ab Deutschland oder British Airways über London oder KLM über Amsterdam. Letzterer Gesellschaft habe ich mein Leben anvertraut und habe es nicht bereuen müssen, exzellenter Service und gutes Filmprogramm. Dazu gingen auch ohne Probleme meine 32 kg Gepäck durch, bei 20 kg erlaubtem Gewicht. Dummerweise hob der große Vogel 1 Stunde später ab, was sich noch bitter rächen sollte, doch dazu später mehr. Obwohl alle Fluglinien behaupten, sie flögen direkt nach Australien, stimmt das natürlich so nicht. Irgendwo in Asien machen sie alle Station, wobei der touristisch interessierte Reisende durchaus einen Stopover mitmachen sollte zwecks Erholung und der Befriedigung bestimmter Bedürfnisse (ich meine die Neugierde, nur damit das klar ist). Als Stationen bieten sich Singapur, Bangkok, Hongkong, Seoul und Jakarta an, wobei man mit der Wahl der Station dann allerdings auch auf eine Fluglinie festgelegt ist. Deswegen: Achtung, Preisfalle! Die von uns eingeschlagene Flugroute gab zu allerlei Spekulationen anlass. Wer eine Route über Arabien voraussagte, lag voll daneben. Von Amsterdam aus ging es über Berlin, Moskau, den Aralsee (bzw. was von ihm noch übrig ist), Kabul (ja, ganz recht! Schießen die da nicht gerade???), Lahore (Pakistan wird ja wohl nicht noch mehr Atombomben haben, oder?), Delhi, Kalkutta, Kuala Lumpur nach Singapur. Wer also der ehemals sowjetischen Flugleitkontrolle nicht so ganz traut, sollte vorher sein Testament machen. Von Singapur aus geht's dann schnurgerade nach Sydney.

Wie schon erwähnt, flogen wir mit Verspätung ab und kamen auch mit solcher an. Mein dringender Rat an alle, die in Sydney einen Anschlußflug kriegen wollen/müssen: Bucht nichts unter 2 1/2 Stunden Aufenthalt! Erstens, kann es auf so einem langen Flug immer mal zu Verspätungen kommen, sei es weil der Pilot sich versehentlich den Kaffee über die Hose gekippt hat oder weil der Catering Service nicht mit dem Brötchenschmieren hinterherkommt. Da ist eine Stunde wie im Fluge vergangen (welch entzückendes Wortspiel). Zweitens, hatt der Flughafen Sydney so seine Tücken. Da muß man nach dem Landen durch die Paßkontrolle (geht noch fix), dann sein Gepäck schnappen (nur muß man durchaus 30 min warten, bevor man endlich schnappen kann), damit durch die Zollkontrolle, wo sich gerade 400 andere Reisende vergnügen und dann wieder für den Inlandsflug einchecken. Wer denkt, er hat es damit geschafft, irrt gewaltig. Ich hatte noch eine halbe Stunde Zeit, als ich mich wieder eincheckte, doch der freundliche Arbeitnehmer des Dienstleistungsgewerbes erklärte mir gleich freudestrahlend, daß ich DEN Flug nicht mehr kriegen würde - und zerriß mein Ticket! Auf mein wohl recht verdattertes Gesicht hin erklärte er mir, daß ich erst mit dem Bus zum 'Domestic Flight Terminal' gefahren werden müßte. Das würde zwar nur 10 Minuten dauern, aber der Bus fährt nun mal nur alle 20-30 min und daher wird das nix mehr mit meinem Flug. Tja, leider sei der nächste Flug schon voll (Sydney - Canberra geht jede Stunde), im übernächsten vielleicht, aber im dritten Flug, da müßte ich auf jeden Fall mitkommen. Wie man sieht, reagiert das Personal ausgesprochen freundlich und hilfsbereit, um einem die mißliche Lage nicht zu verdrießlich erscheinen zu lassen. Glücklicherweise hat sich dann wohl doch noch jemand entschieden, abends in die Oper zu gehen, statt nach Canberra zu fliegen, so daß schon in ersten Flug ein Platz frei wurde und so kam ich um 19 Uhr am Sonnabend, 29.8.98, in Down Under an.

Während einer rasanten Fahrt vom Flughafen zu meiner Behausung zeigte mir mein Betreuer mit seiner Frau die Strassenlaternen Canberras. Ich würde an dieser Stelle gerne etwas anderes erzählen, kann ich aber nicht, da es duster war und nichts anderes zu sehen war. Man führte mich gleich in die praktischen Seiten Australiens ein, indem man mich nach einer Stipvisite im Apartment zum nächsten Supermarkt chauffierte, die praktischerweise auch am Wochenende bis 8 Uhr geöffnet haben (auch sonntags!). Zur kulturellen Eingewöhnung ließ man den Weitgereisten einen australischen Kaffee kosten in der Unterkunft des Betreuers. Nach den eher unguten Erfahrungen mit dererlei Getränk in England und den USA war ich ob des erstaunlich guten Geschmacks positiv überrascht. Wie ich später erfahren sollte, ist Kaffee so eine Art Nationalgetränk, das man an allen Ecken und Enden käuflich erwerben kann. Dem Tee wird zwar auch noch von einer Minderheit gehuldigt, doch scheinen derartig heidnische Gebräuche aus der Anfangszeit der Besiedlung durch europäische (?) Insulaner immer meht zurückgedrängt zu werden.

Auf der Rückfahrt zu meinem Luxusapartment konnte ich noch ein Strassenschild 'Vorsicht Känguruhs" bestaunen. Mein Gott, sollten die etwa selbst hier in der Hauptstadt rumhüpfen??? Mein Apartment besteht aus einem 4 x 3 m großem Zimmer mit Küchenzeile plus Flur plus Bad und 2 dünnen hellhörigen und 2 nicht ganz so dünnen und nicht ganz so hellhörigen Wänden. Letztere sind die Wände zu meinen Nachbarn, erstere die zur Straße. Das ganze Haus befindet sich in einem einzigartig erhaltenem Zustand aus dem Jahre des Baus (70er), d.h. seitdem ist hier nichts mehr passiert. Aber in einer Woche werden wir in den Neubau auf dem Campus umziehen (Adresse bleibt unverändert), wo dann natürlich alles neuer, besser, größer sein soll. Wenigstens das mit dem neuer glaube ich Ihnen sofort! Und ich gehöre zu der Elite, die die neuen Zimmer als erste beschmutzen darf! Ansonsten will ich aber gar nicht über das alte Quartier schlecht sprechen, denn man hat Balkon zur Sonnenseite (leider auch zur Hauptverkehrsstraße), Gemeinschaftsraum mit Fernseher und Tages- zeitungen, Sauna, Squash-Platz und Sonnendeck. Dazu solch nützliche Einrichtungen wie Waschmaschine und Trockner. Gleich gegenüber befindet sich eine der örtlichen Niederlassungen des bekannten und allseits beliebten amerikanischen Spezialitätenrestaurants. Falls einem also mal nichts Gescheites zum Selbermachen einfällt, ist der Weg nicht weit. Vorteil: man weiß, was man zu erwarten hat. Die weltweite Konsistenz der Produkte bei McDo ist immer wieder verblüffend. Bert, auch wenn hier Winter ist/war, gibt es keinen McBacon! Dafür aber z.Z. Cheeseburger für 50 Cents das Stück, aber das ist wohl eher was für Ottiker. Gleich daneben liegt ein Alkoholladen, also auch sehr günstig. Den Stoff bekommt man nämlich hier nicht im Supermarkt, sondern nur in diesen lizensierten Läden. Dort aber ohne Probleme und ohne Ausweis vorzeigen a la USA. Auch ist das System nicht so restriktiv wie in Skandinavien, eher vergleichbar mit dem englischsprachigen Teil Kanadas. Halber Liter Bier ungefähr 2,50DM. Da schlägt die Steuer knallhart zu. Umgekehrt kriegt man das Pint in einem Pub durchaus für 5DM, so daß ich vermute, man will die Leute zum Trinken in die Pubs locken.

Wenn ich hier von DM schreibe, könnte ich genauso gut A$ schreiben, denn letzterer befindet sich seit Monaten auf Talfahrt und so kann man im Moment 1:1 rechnen. Das macht Australien für den deutschen Touristen natürlich im Moment sehr interessant. Dummerweise bekomme ich mein Stip hier in A$ bezahlt, so daß ich davon nichts habe.

Im Prinzip ist das hier Mitteleuropa mit 3 Einschränkungen: 1. Linksverkehr, 2. Natur, 3. Alkohol (s.o.). Das heißt also, die Leute verstehen es, sich vernünftig anzukleiden. Man sieht keine fetten Schwabbel wie in den USA. Ich hatte ja so meine Befürchtungen, genährt aus unzähligen Erfahrungen in England und den Staaten, aber ich muß sagen, ich bin sehr positiv überrascht. Auch was die holde Weiblichkeit, zumindest hier an der Uni, betrifft, hüpft hier durchaus Beachtenswertes rum, das die wohlfeile Aufmerksamkeit verdient. Die tiefen Einblicke (in ihr Herz natürlich, was sonst), die einem gewährt werden, laden durchaus zu weiteren Untersuchungen und Fallstudien ein. Weiterhin sind die Strassen sauber, Hunde und Katzen scheint man hier kaum zu halten. Man geht abends einen trinken und am Wochenende läßt man die Sau raus. Musik wie in Europa, also Rock, Pop, Techno, etc. alles vertreten.

Was den Verkehr betrifft, so sage ich nur, ich bin froh, daß ich durch die harte mecklenburgische Schule gegangen bin. Der Linksverkehr ist gar nicht mal das Problem, da gewöhnt man sich schnell dran, aber man fährt wie eine Sau hier. Da man in der Stadt sowieso 60 fahren kann und natürlich jeder wie bei uns trotzdem schneller fährt, wird lustig rumgeheizt, was Unfall- und Todeszahlen zur Folge hat, die McPom zur Ehre gereichen würden. Ganz oben in der Reihenfolge stehen, na klar, die Autos, dann kommen Tiere wie Kängeruhs o.ä. - schließlich gibt ein Zusammenstoß mit ihnen so eine häßliche Delle am Kotflügel und das sieht nicht aus und dann das ganze Blut... - , dann kommt erst mal lange nichts, bevor die Fahrradfahrer kommen und ganz unten dann die Fußgänger. Oder um es mit Stenkelfeld zu sagen: Die stehen ganz am Ende der Nahrungskette. Das heißt im konkreten: die Fahrbahn schnellstens verlassen, sobald sich ein Auto nähert. Bremsen tun die nur im Notfall, wenn es denn gar nicht mehr anders geht und auch da wäre ich mir nicht so sicher. Abbiegende Fahrzeuge haben grundsätzlich Vorrang vor dem Fußgänger, also um die Ecke schauen! Auch wenn die Autos Rot haben und die Fußgänger Grün sollte man noch 3 Sekunden warten und sich vergewissern, daß die auch wirklich anhalten, da man hier durchaus auch bei Rot schon mal durchfährt, wenn einem die Kreuzung frei erscheint. Wer bremst, verliert (zumindest an Geschwindigkeit).

Die Natur ist sicherlich das faszinierendste hier, viel bunter als bei uns. Kängeruhs habe ich zwar noch nicht getroffen, aber die sollen durchaus auch hier rumhüpfen, dafür aber jede Menge Papageien, Kakadus und ähnliches Federvieh. Das Wetter ist bei den Tagestemperaturen ca. 5C wärmer als bei uns in der vergleichbaren Jahreszeit. Allerdings sind Temperaturunterschiede von 15C und mehr zwischen Tag und Nacht vollkommen normal. Im Sommer soll das ganz angenehm sein, wenn die Temperaturen von 35C auf 20C hinuntergehen, im Winter ist das schon unangenehmer, wenn es dann von 5C auf -10C fällt. Da sich die Häuser im Wärmeschutz alle eher an den traditionellen Flechthütten der nomadischen Aboriginals orientieren, sollte man entweder ein dickes Bett haben oder sich warm anziehen, denn Heizungen sind nicht in allen Häusern selbstverständlich, schon gar nicht in allen Zimmern, geschweige denn Zentralheizungen. Ich bin da noch ganz gut gestellt, da mein Zimmer eine Elektroheizung besitzt, die nur dummerweise mit einem nicht verstellbaren Zeitschalter gekoppelt ist, der die Heizung automatisch nach 2 Stunden abschaltet. Man hat also die Wahl, entweder bei angenehmen Zimmertemperaturen einzuschlafen, um dann nachts vor Kälte zitternd aufzuwachen und die Heizung mal einzuschalten, oder gleich die Heizung zu betätigen, was zu zu hohen Temperaturen beim Einschlafen führt, dafür kann man dann aber durchschlafen. Auf die Flora haben die Jahreszeiten nur einen begrenzten Einfluß. So findet man Bäume, die das ganze Jahr über grün sind, andere lassen gerade ihre neuen zarten Blätter sprießen und noch andere schmeißen gerade erst ihr Laub ab. Das Wetter ist hier recht stabil, d.h. wenn die Sonne scheint, dann scheint sie auch erstmal die nächsten paar Tage, wenn es regnet, dann regnet es eben 2 oder 3 Tage. Die Luftdrucksysteme ziehen hier im Süden Australiens von West nach Ost, entstehen irgendwo im südlichen Indischen Ozean und da es dazwischen keine Berge gibt, auch Westaustralien nicht gerade sonderlich hoch ist, treffen die Wolken auf die australischen Alpen als erstes Hindernis und schütten sich hier aus. Im Winter gibt es dann Schnee auf den Bergen (2 Stunden zu den Skifahrtzentren), sonst eben Regen. Norddeutsches Schmuddelwetter mit Nieselregen und Wind kennt man wohl nicht. Entweder Hüh oder Hott.

Der Australier zeichnet sich durch eine mecklenburgische Zurückhaltung aus. Auf der einen Seite ist das natürlich ganz angenehm, andererseits e rschwert es den Aufbau von Kontakten. Man kann dann entweder auf die Zeit hoffen oder man platzt fröhlich in eine Runde, gibt sich deutlich als Ausländer zu erkennen (was nicht sonderlich schwerfallen sollte) und damit hat man dann auch gleich schon mal ein Gesprächsthema. Ansonsten gibt es natürlich jede Menge Clubs und Societies auf dem Campus, in die man sich stürzen kann. Gut z.B. die Film Group, wo man sich für 20 A$ pro Semester ca. 100 Filme reinziehen kann. Eher skuril die Jellybabies für 'gays, lesbians, transgendered people, their friends, any non-homophobic people, and people of other sexual orientations'. Was man sich unter letzterem vorzustellen, überlasse ich mal der Phantasie des Lesers. Ansonsten geht man mittags nicht mit den Kollegen essen, sondern gemeinhin allein. Etwas ungewohnt für den klatschbedürftigen Kontinentaleuropär, aber wenn das so Landessitte ist, dann paßt man sich da an. Gleiches gilt auch für die Studenten, noch nicht mal grüppchenweise. Man ist in diesem Punkt dann doch recht zurückhaltend, Kontakt aufzunehmen.

Canberra läßt sich als Stadt nicht mit einer Stadt des alten Europas vergleichen. Sie erinnert in vielem liebenswert an Rostock, nicht viel größer (300.000 Einwohner), ständig verzweifelt darum bemüht, nicht als Provinzkaff da zu stehen, die einzelnen Stadtteile durch Streifen Natur voneinander getrennt, kleine Uni (10000 Studenten), aber gutes Niveau und beste im Lande. Als ich am ersten Abend nach einem öffentlichen Telefon suchte, sah ich so etwas wie Kneipen und Nachtclubs und dachte mir: "Mensch, da scheint die Innenstadt ja richtig loszugehen." Am nächsten Tag sah ich dann, daß 100m weiter, der Gastronomiebereich auch schon wieder zu Ende ist. Ich drücke es mal so aus, die Innenstadt ist recht übersichtlich gestaltet. Die Einkaufsstraße bietet sicher alles, was man braucht, aber die Rostocker Kröpi bietet mehr Vielfalt und das will schon was sagen! Unglaublich ist allerdings die hohe Anzahl von Cafes, Restaurants, etc., wenn man das auf die Einwohnerzahl hochrechnet. Wie schon gesagt, sind die Stadtteile durch Naturstreifen voneinander getrennt, so daß sie recht weit voneinander entfernt liegen. Hauptverkehrsmittel ist das Auto, auch wenn jedes Stadtgebiet sein eigenes Einkaufszentrum zu haben scheint. Ich stehe somit wie Muchti vor der Frage, ob man sich bei den Entfernungen nicht doch mal nach einem Gebrauchtwagen umschaut, erst recht wenn hier mal jemand zu Besuch kommen sollte und man durch das Land fahren möchte, um sich die hiesigen Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Ohne Auto kann man relativ viel mit dem Fahrrad erreichen, die Radwege sind ganz ok oder man vertraut sich den öffentlichen Bussen an, die durchaus pünktlich sind und für einen Studenten nur 70 Cents pro Fahrt kosten. Dafür basiert das System hier auf Linien, die von einem Zentrum strahlenförmig ausgehen. Solange man in Richtung Zentrum oder nach außen will, ist's ok, aber wehe man will mal quer!

Zu Fuß kann man ohne Probleme die Innenstadt durchqueren, aber dann wird es schnell ein weiter Spaziergang, der eine gesunde Kondition erfordert. Die Stadt liegt ca. 600m über dem Meer eingekesselt von 5 Hügeln (ca. 900m hoch). Zentraler Punkt ist der aufgestaute Molonglo-River, wodurch man im absoluten Zentrum ein herrliches Erholungsgebiet hat. Am Wochenende zieht es alle hinaus in die Natur oder an den See. Picknicken ist die australische Freizeitbeschäftigung für die ganze australische Familie schlechthin. Da zieht man dann mit Picknickkorb bewaffnet mit Kind und Kegel in die zahlreichen Parks und läßt sich irgendwo auf einer Rasenfläche nieder, breitet sein Essen aus und macht es sich gemütlich. Dazu gehört natürlich ein Rugby-Ei, denn Aussi-Rules oder Australian Football ist der Nationalsport Nr. 1! Im Prinzip ist das Rugby auf einem Cricketfeld, wobei man alle Regeln, die einem möglichen Foulspiel gelten könnten, einfach weggelassen hat. Also immer lustig mittenrein und oben druff. Dem Zuschauer bieten sich dadurch recht archaische Zweikampfformen zur Betrachtung an, die aber durchaus einen gewissen niederen Instinkt befriedigen. Wenn der Vater das mit seinen Kindern spielt, geht es natürlich in erster Linie darum, der australischen Weiblichkeit ihren zukünftigen Platz in der Familie zu zeigen und der erst ist zu Hause am Herd. Dem Picknick dicht auf den Fersen ist das Grillen. Dazu schleppe man seinen eigenen Grill in die Natur, den Park oder sonstwohin oder man nutze gleich einen der öffentlichen Grillplätze, was natürlich viel praktischer ist. Die sind hier überall installiert. Bei manchen muß man noch eigene Grillkohle oder Holz mitbringen, aber viele sind elektrisch. Da drückt man dann nur noch auf den Knopf und schon wird die Platte heiß. Alles kostenlos, versteht sich.

Canberras Hauptattraktionen sind natürlich die Regierungsgebäude. Klar, ohne Regierung gäbe es Canberra gar nicht! Die Stadt entstand ab 1913, weil sich Sydney und Melbourne nicht einigen konnten, wer denn nun Hauptstadt des seit 1900 existierenden Commonwealth of Australia sein sollte. Sydney setzte durch, daß die zukünftige Hauptstadt im Bundesstaat New South Wales liegen solle, die anderen Bundesländer setzten durch, daß die Stadt mindestens 100km von Sydney entfernt liegen solle. Unter mehreren Plätzen wählte man diesen schließlich aus und nach recht abenteuerlichen Namensschöpfungen wie Adedarmelpersyd (die ersten 3 Buchstaben jeder Landeshauptstadt) entschied man sich dann doch für den Begriff Canberra, was bei den Aboriginals Versammlungsort heißt. Die gab es früher durchaus auch hier, doch hat man schon im 19. Jahrhundert ganze Arbeit geleistet und die Gegend 'gesäubert'. Mühsam wuchs Canberra über die Jahrzehnte. Am Anfang muß das hier wirklich tiefste Provinz gewesen sein, beleuchtete Schafswiese, wie man hier sagt, und diesen Ruf ist Canberra bis heute nicht los geworden. Überhaupt gibt es hier kaum weitere Städte der Größe Canberras. Entweder Millionenstädte wie Sydney, Melbourne, Adelaide oder Perth, oder Kleinstädte mit 20000 Einwohnern. Dazwischen gibt es kaum etwas.

Da die Stadt erst in diesem Jahrhundert entstand, ist natürlich alles durchgeplant. Dreh- und Angelpunkt ist das Neue Parlament. Dafür hat man mal eben einen Hügel abgetragen, das Gebäude hineingebaut und den Hügel wieder aufgeschüttet. Wenn man mal sehen will, wie man 1,1 Milliarden Mark verbaut, sollte man sich es anschauen. Ich muß gestehen, für das Geld bekommt man auch etwas Feines, was man eigentlich auch erwarten sollte. Dieser Palast des Volkes (Republik kann ich nicht sagen, man ist ja keine) wird seit 1988 genutzt, das alte Parlament liegt gleich davor. Vom Parlament gehen wie die Schenkel eines Dreiecks 2 große Straßen zum See. Die eine führt zum Stadtzentrum, die andere in den Busch. Das ist hier überhaupt so ein Phänomen, daß Straßen und Wege plötzlich im Nichts enden. Gerade als Fußgänger steht man dann plötzlich dumm rum und weiß nicht, ob man nun einfach auf dem Grünstreifen einer 6spurigen Straße weiterlaufen oder doch lieber umdrehen soll, wobei man Gefahr läuft, nie an sein Ziel zu gelangen. Ebenso amüsant ist es, dererlei Straßen überqueren zu wollen, doch manchmal muß man sich wohl einfach nichts drausmachen, doch Obacht dem Verkehr (s.o.)!

Noch etwas zur Ernährung. Auch da hatte ich so meine Befürchtungen, doch auch hier gilt die Einschätzung: kontinentaleuropäisch. Na, ok, sagen wir stark kontinentaleuropäisch beeinflußtes britisches Essen. Das gilt vor allem für das Brot! Immerhin haben sich hier durchaus uns gewohnte Brötchen und bester deutscher Konditoreikuchen durchgesetzt, nur mit dem Brot, da hapert es noch etwas, doch sind auch hier schon beachtliche Fortschritte in der letzten Zeit zu beobachten, so daß wir hier mit dem Begriff hoffnungslos sehr vorsichtig umgehen (Ich danke Stenkelfelds Jürgen-Koppelin-Bildungsstätte für diese Anleihe.). Im Mensabereich kann sich jeder ernähren, wie es ihm gefällt, von Salatbar (allgemein sehr beliebt in AUS) bis Italiener, von Burger Bar bis vegetarisch und von Sandwich bis a la Carte alles dabei. Bei dem Wetter kann man natürlich im allgemeinen draußen sitzen, was die mittägliche Nahrungsaufnahme, hier als Lunch tituliert, weitaus angenehmer werden läßt. Ebenso vielfältig die Gastronomielandschaft off-campus. Selbst einem Döner muß man hier nicht abschwören. Im Supermarkt gibt es sowieso viele europäische Produkte, z.B. Schwartauer Konfitüre, Milka-Schokolade, Käse aus Holland, Danone-Joghurt usw. Die Liste ließe sich da beliebig verlängern. Das schönste ist sicherlich das Obstangebot, frischer geht's nicht und die Preise sind ok.

Überhaupt sind die Lebenshaltungskosten eher niedriger als in D. Benzin für 80 Pfennig den Liter als Beispiel. Eine Mehrwertsteuer gibt es bisher auch nicht, die will die konservative Regierung aber bald einführen, so man denn die Wahlen gegen die Sozialdemokratie gewinnen sollte (3. Oktober). Dafür gibt es jede Menge anderer kurioser Steuern, z.B. muß man in Westaustralien eine Stempelsteuer von 10 Cent zahlen, wenn man auf der Post eine internationale Geldüberweisung veranlaßt. Politisch gibt es noch eine kränkelnde liberale Partei (woher kenne ich das nur?) und eine Partei, die sich gegen die vermehrte asiatische Einwanderung und die Landrückgabe an Aboriginals zur Wehr setzt und die plumpen Parolen kommen einem verdammt bekannt vor. Insgesamt verdienen die Leute hier weniger und arbeiten dafür länger (40h) als in D, dafür gleichen die niedrigeren Lebenshaltungskosten aber einiges wieder aus. Wer natürlich im vornehmsten Viertel von Sydney gleich hinter dem Strand im eigenen Häuschen leben will, muß auch hier ordentlich blechen.

Abschließend noch die Uni. Moderner Campus mit allem, was man eigentlich zum Leben braucht: Bar, Shop, Post, Banken, Friseur, Bäckerei, Essen (s.o.), Sportzentrum, Theater, Kino, Drogerie, Reisebüro, und und und. Trotzdem wird man vielfach doch auf die Stadt und den Supermarkt zurückgreifen, da den ohnehin nicht reich ausgestatteten Studenten das Geld teilweise mit überhöhten Preisen aus der Tasche gezogen wird. Kleines Beispiel gefällig? Eine Fotonachbestellung kostet pro Bild 1$, noch Fragen? Das Leben in den Halls und Colleges muß man sich eigentlich nicht antun, England läßt grüßen. Die Uni ist sehr gut ausgestattet und wenn neugekauft wird, dann nur das Feinste vom Feinsten. Auch wenn man rumjammert, fließt hier erstaunlich viel Geld in die Uni verglichen mit deutschen Unis, zumal es eben auch DIE australische Topuniversität ist.

So, bevor Eure Pause vorbei ist, beende ich mal den ersten Erlebnisbericht mit einem australischen Witz, den ich mal sinnübertragen habe, weil er sonst keinen Sinn ergibt. Wie nennen Fußfetischisten das Haushaltsgeld ihrer Frauen? Fersengeld! Soviel für heute zum australischen Humor. Mehr wahrscheinlich beim nächsten Mal, wann immer das sein mag!

Gehabt Euch wohl und erholt Euch gut von der anstrengenden Lektüre bei der Arbeit oder dem Studium! Ich grüße Euch zu meinen Füßen!

Roland


(c) Roland Göcke, 1998
Last modified: 15/11/98